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Annie Carlisle

Bonus-Szene: Zweiter Alarm - Copper Ridge

 Bonusszene – Ty

  

Hanna Larsen kommt an einem Samstag im August in unsere Wohnung, eine Stoffeinkaufstasche in der einen Hand und ihren Schlüssel in der anderen, denn ihr neuer Schlüssel hängt jetzt an ihrem Schlüsselbund und sie benutzt ihn. Ich bin unter der Dusche, weil ich eine Schicht hatte, die länger dauerte, und ich habe ihr nicht die Tür aufgemacht.

Ich höre die Tür aufgehen. Ich höre sie sagen: »Ty?«

»Hier drin.«

»Okay. Ich habe Lebensmittel dabei.«

»Zehn Minuten«, rufe ich.

»Lass dir Zeit.«

Ich lasse mir Zeit. Das Duschwasser ist heiß, mein Knie tut weh, weil ich heute Morgen um zwei bei einem Einsatz auf Schotter gekniet habe, und ich bin dreiunddreißigeinhalb und fange an, mir bei manchen Dingen im Leben Zeit zu lassen, was eine neue Entwicklung ist. Ich fange an, mich alt zu fühlen. In der Küche höre ich sie Einkäufe auspacken. Der Kühlschrank wird geöffnet und geschlossen. Ein Topf kommt auf den Herd.

Zehn Minuten später komme ich in Jogginghose und T-Shirt heraus, die Haare nass. Hanna steht am Herd und macht etwas, das nach Pastasauce aussieht. Die Küche riecht nach Knoblauch und gutem Olivenöl. Sie trägt abgeschnittene Jeansshorts und ein T-Shirt von mir, das sie sich irgendwann geschnappt und nie zurückgegeben hat; ihr Haar ist hochgesteckt, sie ist barfuß und blickt über ihre Schulter zu mir.

»Hi, Sexy.« Ich küsse ihren Hinterkopf.

»Hi. Wie war die Schicht?«

»Lang. Küchenbrand im Osten der Stadt. Niemand verletzt. Ich war drei Stunden lang mit Nachlöscharbeiten beschäftigt.«

»Hm.«

»Was?«

»Nichts. Ich wollte gerade einen Witz machen.«

»Raus damit.«

»Ich wollte sagen, dass ich hier ein kleines Feuer habe, bei dem Nachlöscharbeiten nötig wären.« Sie wackelt mit dem Hintern, während sie im Topf auf dem Herd rührt.

»Hanna.« In meiner Stimme schwingt große Beherrschung mit.

»Ich weiß. Ich arbeite noch an den Das-ist-jetzt-normal-Witzen. Sie kommen noch schlecht rüber. Gib mir Zeit.«

»Du hast alle Zeit der Welt.«

»Rühr das hier um.« Sie reicht mir den Löffel.

Ich rühre. Sie duckt sich unter meinem Arm durch, öffnet den Kühlschrank, holt eine Packung Tomaten und ein Stück Parmesan heraus und wird mir an diesem speziellen Samstag offensichtlich das Abendessen kochen. Ich beobachte, wie sie die Zutaten bereitstellt, so wie ich sie bei allem beobachte, was sie tut – flink, keine unnötige Bewegung, ein kleiner privater Gesichtsausdruck, den ich auch nach all den Monaten, in denen ich ihn sehe, immer noch katalogisiere.

»Hanna.«

»Ja?«

»Komm her.«

Sie kommt zu mir. Ich lege meine freie Hand an ihre Taille. Sie lehnt sich gegen meinen Arm. Die Sauce köchelt. Es gibt keinen Ort, an dem ich lieber wäre.

»Du hast bei Mom gegessen?«

»Mom hat mich zum Essen gezwungen. Ich habe gegessen.«

»Warum kochst du dann?«

»Weil du vor Stunden von der Schicht gekommen bist und inzwischen hungrig bist. Weil ich dich kenne. Nein, rühren.«

Ich rühre wie befohlen.

Sie gibt mir einen Kuss auf den Kiefer, geht zurück zu ihrem Parmesan und reibt ihn auf einer kleinen Vierkantreibe auf der Arbeitsplatte, der Ellbogen geht vor und zurück. Ich beobachte sie dreißig Sekunden lang, weil ich es kann – weil das unsere Küche ist und sie darin steht und ich in ihren Ellbogen und jedes andere Teil von ihr verliebt bin und ich heute Abend nirgendwo anders sein muss.

»Cal hat geschrieben.«

Über der Reibe erstarrt sie. »Was hat er gesagt?«

»Er hat ja gesagt«, sage ich, während ich ihr beim Käsereiben zusehe.

Sie hält einen Moment inne, dann fängt sie an, den Käse fester und schneller zu reiben.

»Hanna«, sage ich sanft.

»Ja?« Sie dreht sich um.

»Er hat ja gesagt. Heute Morgen. Er hat mir vor einer Stunde geschrieben – ›Ich sage dir „Ja“. Ich habe keine Lust mehr, deshalb rumzustressen.‹ Das ist die Nachricht. Ich habe sie auf meinem Handy. Willst du sie lesen?«

»Ich – «

»Er hat ja gesagt, Hanna.«

Ich lege den Löffel beiseite und sehe sie an. Ihre Augen sind feucht. Meine wahrscheinlich auch. Auf dem Herd steht Pastasauce, die nicht gerührt wird.

»Ich weiß. Ich frage dich nicht, ob ich das Ganze jetzt sofort durchziehen kann. Er hat es mir gesagt, also sage ich es dir. Ich wollte dich nicht fragen, bevor ich wusste, dass du es weißt. Das kam mir unfair vor.« Ich stehe mit dem Rücken zum Herd und dem ungerührten Topf mit Sauce. »Ich kann es so machen, wie ich es vorhatte.«

»Lass dir Zeit. Ich habe es nicht eilig.« Sie winkt mit dem Käsestück ab.

Ich schalte den Herd aus, nehme ihr den Parmesan aus der Hand und lege ihn auf die Arbeitsplatte.

»Komm mit mir.«

»Meine Sauce – «

»Die Sauce hält sich.«

»Ty – «

»Komm.«

Ich nehme ihre Hand und führe sie den Flur entlang.

In meinem Schlafzimmer steht die umgezogene Basilikumpflanze auf dem einen Fensterbrett, die Tomatenpflanze auf dem anderen, eine Lampe auf dem Nachttisch, ein Buch mit der Vorderseite nach unten auf dem Nachttisch, ein Bett, das ich heute Morgen gemacht habe. Die Lampe ist aus. Das Licht, das durch das Fenster fällt, ist das Licht eines Augustabends – blausanft und spät. Das Fenster ist offen. Irgendwo unten auf der Straße fährt ein Kind auf einem Fahrrad mit einer Klingel.

Sie bleibt in der Mitte des Zimmers stehen.

»So hatte ich mir das nicht – « Ich drehe mich zu ihr um.

»Ich weiß.« Sie lächelt.

»Ich hatte einen Plan. Einen großen Plan.«

Sie lächelt mich nur an.

»Ich habe einen Ring.«

»Zeig ihn mir später. Heute Nacht. Zeig ihn mir später.«

»Komm her.« Ich ziehe sie in meine Arme.

Sie kommt.

Ich lege meine Hände an ihr Gesicht. Sie legt ihre Hände auf meine Handgelenke. Sie sieht in dem blausanften Licht zu mir auf und ihr Blick ist unerträglich schön, so wie er es schon immer war. Ich habe Schwierigkeiten, ihr nicht jeden Gedanken zu sagen, der mir durch den Kopf geht – denn früher hatte ich Schwierigkeiten, überhaupt zu reden, und die Schwierigkeit, die ich jetzt habe, ist eine andere, und ich nehme die neue Schwierigkeit heute Abend gerne an, weil sie mir lieber ist.

»Ich werde dich morgen fragen, ob du mich heiraten willst.«

»Okay.«

»Am Morgen, mit dem Ring. Mit dem vollen Programm.«

»Okay.«

»Im Moment will ich einfach nur bei dir sein.«

»Okay.«

»Und dieses Shirt ausziehen.«

»Welches?« Sie lächelt fast.

»Meines.«

»Es gehört jetzt mir.«

»Ich weiß. Zieh es trotzdem aus.«

Sie zieht es aus.

Ich werde über die nächsten zwei Stunden nicht viel sagen, was ich in Anwesenheit ihrer Mutter wiederholen könnte – das ist der Test, den ich jetzt anwende, wenn ich über unser Privatleben spreche. Denn unser Privatleben geht nur mich und sie etwas an und ist nicht speziell für die Mannschaft oder das Watershed oder, ganz besonders, für Dereks Buchführung gedacht. Aber folgendes werde ich sagen.

Ich werde sagen, dass das Augustlicht in meinem Schlafzimmer an einem Samstagabend eine ganz bestimmte gold-purpurne Qualität hat, die Hannas Schlüsselbein wie etwas aus warmem Stein Gemeißeltes aussehen lässt.

Ich werde sagen, dass ihr Haar, wenn sie es öffnet, genau so fällt, wie es fiel, als sie neunzehn war, und dass diese Tatsache eine kleine Gnade ist, die ich nicht verdiene.

Ich werde sagen, dass wir das jetzt schon oft genug gemacht haben, dass wir die neuen Eigenheiten des anderen so lernen, wie wir vor all den Jahren die alten gelernt haben – dass die spezielle Stelle unter ihrem linken Schulterblatt, die sie jetzt zum Lachen bringt, nicht dieselbe Stelle ist, die sie damals zum Lachen brachte, weil Körper sich verändern, weil Jahre dazwischenliegen, weil wir aufmerksam sind.

Ich werde sagen, dass sie meine Stellen genauso gut kennt. Alle. Die neuen. Die alten. Die, die nur sie je gekannt hat, weil nur sie je hingesehen hat.

Ich werde sagen, dass ich an einem Punkt, als sie über etwas lacht, das ich gesagt habe und nicht wiederholen werde, innehalte, sie ansehe und sage: »Hanna.«

»Ja?«

»Erinnerst du dich an den Materialraum in der Akademie?«

Sie sagt: »Ich erinnere mich an jeden Zentimeter des Materialraums in der Akademie, Ty, woran genau soll ich mich erinnern?«

»Erinnerst du dich, was du das erste Mal zu mir gesagt hast?«

Sie schweigt für einen Moment. »Ich sagte: ›Sag es Cal nicht.‹«

»Ja.«

»Das war das Erste, was ich sagte.«

»Jep.«

»Wir – «

»Ja, Hanna.«

»Oh mein Gott.«

»Ich weiß.«

»Das war – «

»Ich weiß.«

»Ich sagte – direkt nachdem wir – «

»Ich weiß.«

»Ty.«

»Ja?«

»Ich möchte jetzt etwas anderes sagen.«

»Okay.«

Sie beugt sich hinunter. Ihr Haar fällt um mein Gesicht. Sie legt ihren Mund an mein Ohr.

Sie flüstert: »Cal weiß es.«

Ich lache.

Ich lache so, wie ich seit Monaten lache – mehr als ich in den vorangegangenen zehn Jahren zusammen gelacht habe – und das Lachen ist alles, es bringt sie zum Lachen, und das Lachen bringt sie dazu, das zu tun, was sie tut, wenn sie in diesem speziellen Kontext lacht, und das Spezielle, was sie tut, wenn sie in diesem Kontext lacht, ist das, was uns damals in der Akademie erst recht in Schwierigkeiten hätte bringen können. In diesen Schwierigkeiten werde ich für den Rest meines Lebens stecken.

Ich bin absolut dafür.

Die Lampe ist aus. Das Fenster ist offen. Die Sauce auf dem Herd ist kalt. Ich werde die kalte Sauce essen, denn aufgewärmte kalte Pastasauce ist ein ganz besonderes Vergnügen, von dem ich vor diesem August noch nichts wusste.

Hanna liegt auf der Seite. Ihre Hand liegt auf meiner Brust. Meine Hand liegt auf ihrer Hüfte.

»Ich liebe dich.«

»Ich liebe dich auch.«

»Die Sache mit dem Ring – «

»Morgen«, sagt sie. »Ist er hübsch?«

»Ich denke schon. Es ist ein Ty-denkt-es-ist-ein-Hanna-Ring. Ich habe ihn vor Wochen gekauft. Deine Mutter hat geholfen.«

»Mom hat geholfen?«

»Mom Larsen hat geholfen.«

»Oh nein.«

»Sie sagte, es sei der Richtige.«

»Moms Geschmack ist – «

»Mom Larsen hat einen guten Geschmack.«

»Moms Geschmack ist – «

»Deine Mutter wird nicht zulassen, dass ich dir einen schlechten Ring schenke.«

»Nein.« Sie atmet aus. »Okay. Morgen.«

»Morgen.«

»Um wie viel Uhr?«

»Sonnenaufgang. Und Hanna.«

»Ja?«

»Laut meinem Handy ist der Sonnenaufgang um sechs Uhr vier.«

»Ugh, sechs Uhr vier ist früh«, brummt sie. »Du willst es um sechs Uhr vier morgens machen?«

»Auf der hinteren Veranda des Hauses deiner Mutter. Beim Fliederbusch. Deine Mutter hat mich gefragt, wo ich plane zu fragen. Sie sagte, wenn ich es täte, hätte sie eine Bitte, und die Bitte war: beim Fliederbusch. Weil dein Vater ihn gepflanzt hat.«

»Mom wollte den Fliederbusch? Um sechs Uhr vier?«

»Cal wird auf der Veranda stehen und zusehen. Das hat er mir gesagt. Er sagte: ›Brennan, ich werde mit Kaffee von der Veranda aus zusehen, und wenn ich nicht einverstanden bin, komme ich rüber und verpasse dir eine.‹«

»Wenn es um Prügel geht, scherzt Cal nie.«

»Ich weiß.«

»Hat denn meine ganze Familie das mit dir geplant?«

»Deine Mutter und dein Bruder. Ja.« Eine Pause. »Riley weiß es. Derek führt eine Wettliste über den Zeitpunkt.«

»Oh MEIN – «

»Ich habe Riley versprochen, ihr zu schreiben, nachdem du Ja gesagt hast, damit sie weinen kann.« Ich streiche ihr eine Strähne aus dem Gesicht. »Nachdem du Ja gesagt hast.«

»Falls ich Ja sage«, sagt sie, und sie lügt sichtlich, was das ›Falls‹ betrifft.

»Hanna.«

»Ich werde Ja sagen.«

»Gut.«

»Um sechs Uhr vier morgens, am Fliederbusch, während mein Bruder mit Kaffee von der Veranda aus zusieht – ich werde Ja sagen.« Ihre Stimme wird tief, warm und sicher.

»Okay.«

»Ich werde auch weinen.«

»Okay.«

»Ich liebe dich.«

»Ich liebe dich auch.«

Sie lacht gegen meine Brust. Ich lache leise gegen ihr Haar. Meine Hand liegt auf ihrer Hüfte. Draußen vor dem Fenster hat ein Nachbar einen Grill angeworfen, die ganze Gasse riecht nach Holzkohle, in der Küche ist die Sauce kalt und auf dem Fensterbrett gedeiht die Basilikumpflanze.

Um sechs Uhr vier morgen früh werde ich eine Frau im Garten ihrer Mutter, am Fliederbusch, den ihr Vater gepflanzt hat, fragen, ob sie mich heiraten will. Sie wird Ja sagen. Ihr Bruder wird von der Veranda aus mit einem Kaffee zusehen. Ihre Mutter wird aus dem Küchenfenster zusehen. Riley wird auf eine Nachricht warten. Big Jim wird davon hören, ein Tränchen vergießen und es auf seine Allergien schieben. Derek wird sein Wettbuch aktualisieren. Nora wird eine Augenbraue hochziehen und so tun, als hätte sie von nichts gewusst.

Ich vergrabe mein Gesicht in ihrem Haar. »Morgen.«

»Morgen.«

»Aber heute Nacht – «

»Heute Nacht.«

»Iss Pasta mit mir. Mach die Pasta nochmal – sie ist kalt geworden.«

»Ich wärme sie auf.«

»Ich bringe das Basilikum.« Ich deute mit dem Kopf zum Fensterbrett. »Pflück eine Tomate von der Pflanze.«

»Ty.«

»Ja?«

»Lass uns die Pasta machen.«

Wir springen auf.

Ich lege das Basilikum aufs Schneidebrett. Sie schneidet es mit einem Schälmesser in feine Streifen. Wir essen die Pasta an einem Samstagabend am Küchentisch in unserer Wohnung über dem Autoteilegeschäft in der Third Street. Die Fenster sind offen. Das Basilikum riecht nach Basilikum. Sie trägt eines meiner T-Shirts auf links gedreht. Ich erwähne das ›auf links‹ nicht. Ich muss es nicht.

Morgen, um sechs Uhr vier in der Früh, werde ich ihr eine Frage stellen. Eine sehr wichtige Frage.

Aber heute Nacht esse ich ihre Pasta mit dem Basilikum und beobachte sie dabei, wie sie über etwas auf ihrem Handy lacht, und ich denke an die Akademie und den Materialraum und das schmale Bett, das ich 2016 drei Monate lang mit ihr geteilt habe, und die zehn Jahre danach und die Wochen in einem Wandschrank und meinen besten Freund auf seinem Küchenboden mit Kung Pao unter dem Sofa und ihre Mutter am Kopfende ihres Tisches und meine Basilikumpflanze auf dem Fensterbrett und das Leben, von dem ich nicht geglaubt hatte, dass ich es je bekommen würde.

Ich habe es bekommen.

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